Zeltgespräch
Ein Beitrag der FORUM-Redaktion veröffentlicht in der Ausgabe November/Dezember 2025 (269) „Tod“.
„Psssst, schläfst du schon?“
„Was ist?“
„Ich denk da über was nach.“
„Immer raus damit.“
„Als wir vorhin hier auf den Berg geklettert sind, meintest du, dass wir sowohl sterblich sind und gleichzeitig auch ewig leben. Ich dachte, ich hätte verstanden, was du sagen willst, aber jetzt ist es irgendwie wieder weg.“
„Ich glaube, dass ist deshalb so schwierig zu verstehen, weil wir versuchen, uns die Ewigkeit unseres Lebens aus unserem gewöhnlichen Ich-Bewusstsein heraus vorzustellen.“
„Warum ist das so schwierig?“
„Na ja, unser Ich-Bewusstsein entsteht zusammen mit unserem Körper und erlischt auch wieder, wenn unser Körper stirbt. Das ist ähnlich wie bei einer Kerze. Wenn das Wachs verbraucht ist, erlischt auch die Flamme.“
„Unser Ich-Bewusstsein besteht also nach dem Tod nicht unabhängig von unserem Körper selbstständig weiter fort.“
„Genau. Vom Standpunkt dieses Bewusstseins aus gesehen sind wir sterblich.“
„Okay, willst du darauf hinaus, dass unser gewöhnliches Ich-Bewusstsein, das selbst vorübergehend ist, Schwierigkeiten damit hat, sich selbst als ewig zu begreifen?“
„Ja, das wäre ungefähr so, als wollte man versuchen, den Ozean der Ewigkeit in eine Nussschale zu füllen, die auf ihm schwimmt. Die Nussschale unseres Ich-Bewusstseins ist endlich. Wir stellen uns vor, dass unser Ich-Bewusstsein immer weiter besteht, aber intuitiv wissen wir, dass das nur eine Projektion unseres momentanen Zustands ist. Wie gesagt, ich glaube, wir wissen intuitiv um unsere Endlichkeit. Deshalb empfinden wir die Idee der Ewigkeit als widersprüchlich. Wir können uns sozusagen mit den Mitteln der Nussschale nicht zu der Idee der Ewigkeit hindenken.“
„Aber im Kapitel Lebensspanne des Lotos-Sutra spricht Shakyamuni doch davon, dass er die Buddhaschaft vor so unermesslich langer Zeit erlangt hat, dass man annehmen muss, dass er schon ewig existiert. Wer oder was ist denn dann dieses Ich des Kapitels Lebensspanne, das schon ewig Buddha ist?“
(...)
Dies ist eine Leseprobe.
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