Minoru Harada 01.08.2025

Eine Welle des Wandels erschaffen – für ein Jahrhundert ohne Krieg Erklärung von Minoru Harada, Präsident der Soka Gakkai, am 1. August 2025, anlässlich des Endes des Zweiten Weltkriegs vor 80 Jahren

In diesem Jahr jährt sich zum 80. Mal das Ende des Zweiten Weltkriegs – ein totaler Krieg, der die Bevölkerungen unzähliger Nationen regelrecht verschlang. Schätzungen zufolge beliefen sich die Opferzahlen auf weit über 60 Millionen Menschen – mehr als drei Prozent der Weltbevölkerung. Die meisten Opfer waren Zivilisten, darunter Frauen und Kinder.

Ich empfinde tiefe Trauer um all die Menschen aus allen Nationen, die in diesem Krieg ihr kostbares Leben verloren haben. Als praktizierender Buddhist bete ich aufrichtig, dass sie in Frieden ruhen mögen. 

Aufgrund der intensiven Auseinandersetzung mit der Geschichte meines Landes bekräftige ich als japanischer Staatsbürger mein Versprechen, mich für den Frieden einzusetzen – nicht nur im Asien-Pazifik-Raum, wo Japans Handeln einst unermessliches Leid und Zerstörung brachte, sondern überall auf der Welt.

Wenn der 15. August näher rückt, der Tag, der für Japan das Ende des Krieges markiert, erinnere ich mich immer an das epische Gedicht 15. August – Der Anbruch eines neuen Tages, welches Daisaku Ikeda, der dritte Präsident der Soka Gakkai, im August 2001 verfasst hat.

Der Krieg prägte Präsident Ikedas Leben als Jugendlicher zutiefst: Die Familie musste zweimal miterleben, wie ihr Zuhause zerstört wurde, und sein ältester Bruder verlor sein Leben auf dem Schlachtfeld. Im ersten Sommer des 21. Jahrhunderts hinterließ er ein Zeugnis seiner erschütternden Kriegserlebnisse. Dies sind seine Worte:

Unser Zuhause zerbrach in tausend Stücke,
unsere Familie wurde in die Abgründe des Elends hinabgerissen. 
Doch wir waren nicht die Einzigen –
unzählige Menschen vergossen Tränen
unsagbarer Qual
und tiefer Trauer.
Jedes Jahr,
wenn der fünfzehnte August naht,
ist mein Herz voller Empörung.[1]

Präsident Ikeda betonte in diesem Gedicht auch, dass das unaussprechliche Leid, das unzählige Menschen erdulden mussten, sich über den gesamten Planeten ausgebreitet hatte. Wer eine Führungsrolle übernehmen will, sollte niemals vergessen, was die Menschen weltweit während dieses Krieges erlebt haben.

Der Ursprung der Friedensbewegung der Soka Gakkai ist der Kampf unseres Gründungspräsidenten Tsunesaburo Makiguchi und unseres zweiten Präsidenten Josei Toda: Trotz der Unterdrückung durch das militaristische Regime, die im Juli 1943 zu ihrer Inhaftierung führte, blieben sie ihrem Einsatz für Frieden und menschliches Wohlergehen treu – gegründet auf der Achtung der Würde allen Lebens, einem zentralen Grundsatz des Nichiren-Buddhismus.

Die Kriegserlebnisse haben auch in meinem Leben unauslöschliche Spuren hinterlassen. Ich wurde im November 1941 in Asakusabashi, einem Stadtteil im Osten Tokios, geboren – nur ein Monat, bevor Japan in den Pazifikkrieg eintrat. Ich war drei Jahre alt, als in der Nacht vom 9. auf den 10. März 1945 eine Flut von Brandbomben auf die dicht besiedelten Stadtviertel niederprasselte, ganze Stadtteile in gewaltigen Feuerstürmen verschlang und nahezu 100.000 Menschen das Leben kostete. Das Grauen, das ich empfand, als meine Mutter und ich durch die brennenden Straßen flohen, bleibt mir bis heute unvergessen.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs sind wir zwar den Schrecken eines Dritten Weltkriegs knapp entgangen, doch ständig wiederholen sich Gräueltaten. Auch heute schwelen bewaffnete Konflikte und Feindseligkeiten in verschiedenen Teilen der Welt; unter ihnen die katastrophale Lage in der Ukraine und im Gazastreifen. Die steigende Zahl ziviler Todesopfer und die sich verschärfenden humanitären Krisen sind äußerst besorgniserregend.

Unabhängig von Nationalität oder ethnischer Zugehörigkeit erlebt jeder Mensch den Schmerz über den Verlust geliebter Familienmitglieder oder nahestehender Personen gleich. Der Krieg betrifft Menschen in allen Teilen der Welt. Auch während der Corona-Pandemie haben Menschen weltweit in den letzten Jahren ähnliche Gefühle von Verlust und Verletzlichkeit erfahren.

Ich selbst empfinde tiefe Trauer bei dem Gedanken an alle, die dabei ihr Leben verloren haben, und mein aufrichtiges Mitgefühl gilt ihren Familien, die jetzt ohne sie weiterleben müssen. 

Die Feindseligkeiten zwischen Israel und dem Iran, die im Juni, begleitet von großer internationaler Besorgnis, ausgebrochen waren, haben glücklicherweise nachgelassen, so dass eine weitere Eskalation vermieden wurde. Gleichermaßen hoffe ich inständig, dass der anhaltende Konflikt in der Ukraine sowie die Lage im Gazastreifen durch einen nachhaltigen Dialog und beharrliche diplomatische Bemühungen aller beteiligten Parteien schnellstmöglich beendet und der Weg zu einer dauerhaften Lösung geöffnet wird.

Die Präambel der Charta der Vereinten Nationen, die 1945 als Reaktion auf die Lehren aus zwei Weltkriegen verabschiedet wurde, enthält die Verpflichtung, „künftige Geschlechter vor der Geißel des Krieges zu bewahren, die zweimal zu unseren Lebzeiten unsagbares Leid über die Menschheit gebracht hat.“[2]

Doch wie viele Länder sind in den letzten acht Jahrzehnten tatsächlich von den Schrecken des Krieges verschont geblieben? In diesem Sinne ist der Auftrag, die in der Charta vorgesehene friedliche Welt zu erschaffen, noch lange nicht erfüllt.


Freundschaft mit Nachbarländern

Im Dezember 1964 überreichte mir Präsident Ikeda einen Stoß Manuskripte: die ersten dreizehn Folgen des Romans Die Menschliche Revolution, der als Serie in der Seikyo Shimbun, der Tageszeitung der Soka Gakkai, veröffentlicht werden sollte. Ich arbeitete dort damals als Reporter. Zu dieser Zeit spitzte sich gerade der Vietnamkrieg zu – einer der tödlichsten Konflikte seit dem Zweiten Weltkrieg.

„Nichts ist barbarischer als Krieg. Nichts ist grausamer.“[3]

Als ich diese einleitenden Worte las, die Präsident Ikeda auf Okinawa geschrieben hatte, dem Schauplatz der heftigsten Bodenkämpfe in Japan während des Krieges, war ich überwältigt von der tiefen Empörung und Entrüstung, die er damit zum Ausdruck brachte.

Die Zeitung begann am 1. Januar 1965 mit der Veröffentlichung des Fortsetzungsromans, und ich sollte die Arbeit des Illustrators koordinieren. In dieser Zeit spürte ich jeden Tag zwischen den Zeilen seiner Texte Präsident Ikedas starke Entschlossenheit, eine unzerstörbare Solidarität unter den Menschen aufzubauen, um einen Weg zu einer Welt ohne Krieg zu ebnen – ungeachtet aller Hindernisse.

Meine Mitarbeit an dem Projekt erstreckte sich nur auf die ersten drei Bände. Kurz bevor im April 1969 das Kapitel Krieg und Frieden in Band 5 veröffentlicht wurde, schrieb Präsident Ikeda in einem Zeitschriftenartikel Folgendes:

„Unter den zahlreichen Fotos, die den Sumpf des Vietnamkrieges zeigen, ist keines herzzerreißender und eindringlicher als das Bild einer Mutter mit ihrem Kind, die vor den Schüssen fliehen. (…) Ohne den Krieg hätten sie wahrscheinlich ein glückliches Leben geführt. Warum also und aus welchem Grund muss ihnen dieses Glück genommen werden?“[4]

Ich erinnere mich lebhaft an diese Worte, weil mich das Bild der Mutter mit ihrem Kind daran erinnerte, was ich selbst während des Krieges erlebt und gesehen hatte.

Zu dieser Zeit rief Präsident Ikeda wiederholt zum sofortigen Waffenstillstand im Vietnamkrieg auf und forderte die Aushandlung eines Friedensabkommens. Er drängte die internationale Gemeinschaft, diplomatische Initiativen zur Lösung des Konflikts zu beschleunigen. Seine unermüdlichen Bemühungen für ein rasches Ende der Tragödie beruhten immer auf seinem tiefen Mitgefühl und seiner aufrichtigen Sorge um das Leiden der Menschen.

Er betete für die Kriegsopfer während seiner Besuche in Ländern, denen Japan im Zweiten Weltkrieg unvorstellbares Leid und Elend zugefügt hatte: Burma (heute Myanmar), Thailand, Kambodscha und Indien, die er 1961, ein Jahr nach seiner Amtseinführung als dritter Präsident, besuchte, sowie China, Südkorea, die Philippinen, Singapur, Malaysia und Australien. Der Förderung der Freundschaft mit diesen Nationen widmete er sein ganzes Leben.

Durch seine Gespräche mit Menschen dieser Länder sowie aus Vietnam, Indonesien und anderen Nationen im gesamten pazifischen Raum bezeugte er aufrichtig ihre Berichte über die Gräueltaten, die Japan während des Krieges begangen hatte. Er bemühte sich unermüdlich, jedes ihrer Worte für die Nachwelt zu bewahren, indem er sie in Artikeln der Seikyo Shimbun und als Dialoge in Büchern veröffentlichte.

Ich hatte das Privileg, seine Treffen mit Dialogpartnern bei mehreren Gelegenheiten mitzuerleben, und es war eine große Ehre für mich, ihn bei seinem ersten Besuch in China von Mai bis Juni 1974 zu begleiten.

Als ich mich in meiner Funktion als Chefsekretär der Delegation auf die Reise vorbereitete, vermittelte mir Präsident Ikeda die Überzeugung, dass der Weg zum Weltfrieden nur dann geebnet werden kann, wenn wir uns immer wieder eingehend mit der Vergangenheit auseinandersetzen und uns kontinuierlich darum bemühen, freundschaftliche Beziehungen zu unseren Nachbarländern aufzubauen. Mit dieser Überzeugung im Herzen reisten wir über Hongkong nach Peking, wo Präsident Ikeda bei einem Treffen mit Vertretern der Chinesisch-Japanischen Freundschaftsvereinigung konkrete Pläne zur Förderung des Austauschs zwischen Jugendlichen und zwischen Frauen beider Länder vorschlug.

Während seines zweiten Chinabesuchs im Dezember desselben Jahres traf er sich mit Premierminister Zhou Enlai. Der Premier war damals schwer krank. Ungeachtet dessen brachte er nachdrücklich seinen Wunsch nach einer chinesisch-japanischen Freundschaft zum Ausdruck, die Generationen fortdauern sollte. Insbesondere erwähnte er, dass Präsident Ikeda wiederholt darauf hingewiesen habe, wie wichtig es sei, die Freundschaft zwischen den Menschen Chinas und Japans zu fördern. Er bekundete seine aufrichtige Freude darüber. Die Besuche in China legten den Grundstein für den bis heute andauernden Jugend-, Kultur- und Bildungsaustausch zwischen beiden Ländern.


Das humanitäre Völkerrecht einhalten

In seinem Roman Die menschliche Revolution bringt Präsident Ikeda deutlich zum Ausdruck, dass alle Menschen überall auf der Welt in Frieden leben sollten. Seine Entschlossenheit, eine Welt frei von den Schrecken des Krieges zu erschaffen, geht auf Josei Toda, den zweiten Präsidenten der Soka Gakkai, zurück. 

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie Präsident Toda am 8. September 1957 im Mitsuzawa-Stadion in Yokohama seine Erklärung zur Abschaffung von Atomwaffen verkündete. Ich war damals gerade ein Jahr auf dem Gymnasium. Die meisten der 50.000 Menschen, die sich an diesem Tag dort versammelt hatten, waren junge Leute. Aber wenn man genauer hinschaute, sah man, dass alle Generationen vertreten waren, sogar Kinder in Begleitung ihrer Mütter. Präsident Toda mahnte, dass der Einsatz von Atomwaffen unter allen Umständen verurteilt werden müsse, um das unverletzliche Recht aller Menschen auf Leben weltweit zu schützen.

Im Laufe der Jahre verstärkte sich jedes Mal, wenn ich mich erneut mit dieser Erklärung befasste, meine Überzeugung: Eine Katastrophe wie die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki darf sich niemals auf der Welt wiederholen. Es ist die gesellschaftliche Aufgabe der Soka Gakkai, sich unermüdlich für eine Welt ohne Atomwaffen einzusetzen.

Wenn ich heute auf die Welt blicke, erfüllt mich die anhaltende Missachtung der Würde des Lebens inmitten der fortdauernden Konflikte und Bürgerkriege mit ernster Sorge. Die wieder zunehmende Bedrohung durch Atomwaffen vergrößert diese Sorge noch.

Die ungeheuren Verwüstungen des Zweiten Weltkriegs machten deutlich, dass die Zivilbevölkerung unbedingt vor den Schrecken des Krieges geschützt werden muss. Aus dieser tiefgreifenden gemeinsamen Einsicht heraus entstand das humanitäre Völkerrecht. In seinem Friedensvorschlag von 2019 verwies Präsident Ikeda auf die Umstände, die zur Verabschiedung der Genfer Konventionen führten:

„In den Konventionen - die das Fundament für die nachfolgende internationale Menschenrechtsgesetzgebung legten – manifestierte sich diese kraftvolle Entschlossenheit gerade deshalb, weil den Verhandlungsteilnehmenden die Grausamkeit und Tragik des Krieges noch immer vor Augen stand. Führen wir uns nicht unablässig die Ursprünge der Genfer Konventionen vor Augen, werden wir in jener Art von Argumentation gefangen bleiben, die jede Handlung rechtfertigt, solange sie nicht explizit die Buchstaben des Gesetzes verletzt.“[5]

Es wird immer wieder berichtet, dass in den derzeit weltweit wütenden Konflikten gegen das humanitäre Völkerrecht verstoßen wird. Diese Verstöße sind nicht hinnehmbar. Ich bin mir zwar bewusst, dass eine vollständige Abschaffung des Krieges nicht sofort verwirklicht werden kann: Dennoch fordere ich alle politischen Akteure auf, den 80. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs zum Anlass zu nehmen, ihr jeweiliges Bekenntnis zur Einhaltung des humanitären Völkerrechts zu bekräftigen. Insbesondere sollten wir uns daran erinnern, dass die Genfer Konventionen nach diesem Krieg vor allem aufgrund von Forderungen nach der Einrichtung von Schutzzonen für Kinder, Frauen, ältere Menschen sowie Kranke und Verwundete erneuert wurden.


Ein Schwur, allem Leiden ein Ende zu bereiten

Wir, die Mitglieder der Soka Gakkai, appellieren eindringlich, die „Bollwerke gegen den Krieg“ zu stärken, indem die Solidarität unter den Menschen gefördert wird, sodass Spaltungen und Konflikte nicht zu weitreichenden militärischen Auseinandersetzungen eskalieren. Dies betonte Präsident Ikeda immer wieder in seinen Friedensvorschlägen, die er von 1983 bis 2022 jedes Jahr veröffentlichte.

In seinem zweiten Friedensvorschlag von 1984 schrieb er: „Es ist von entscheidender Bedeutung, dass wir unsere Bemühungen um Abrüstung sowohl vertiefen als auch ausweiten und gleichzeitig unser derzeitiges Engagement fortsetzen, um eine Welt ohne Krieg zu erschaffen.“[6]

Auf diese Weise trugen die zunehmenden diplomatischen Abrüstungsinitiativen und die immer lauteren Forderungen der Zivilbevölkerung nach Frieden dazu bei, das Ende des Kalten Krieges zu beschleunigen. 

Heute erleben wir weltweit eine Normalisierung des Einsatzes militärischer Gewalt und damit einhergehend eine immer größere Anzahl ziviler Opfer. In dieser Situation ist es erforderlich, dass wir unsere Anstrengungen für Abrüstung und ziviles Engagement noch einmal deutlich verstärken.

Im Jahr 2015 machte Präsident Ikeda der Jugendabteilung der Soka Gakkai zum 70. Jahrestag des Kriegsendes einen bedeutsamen Vorschlag. Er forderte, den jährlichen Friedensgipfel, der seit langem von den Mitgliedern der Jugendabteilung in Hiroshima, Nagasaki und Okinawa organisiert wurde, unter dem Namen „Jugendgipfel gegen Krieg“ neu zu beleben. 

Warum wählte er den Ausdruck „gegen Krieg“ und nicht einfach „für Frieden“? Was er damit beabsichtigte, führte er in jenem Jahr in seinem Friedensvorschlag aus: „Niemand würde auf Vorurteilen begründete Gewalt gegen sich oder seine eigene Familie tolerieren. Richten sich Hass und Gewalt aber gegen andere Ethnien oder Bevölkerungsgruppen, kommt es nicht selten vor, dass die Menschen dies aufgrund eines vermeintlichen Fehlers oder Versagens seitens der Opfer als gerechtfertigt betrachten. Damit solche Situationen nicht eskalieren, müssen wir in einem ersten Schritt dafür sorgen, dass die Menschen sich von Angesicht zu Angesicht begegnen, frei von jeglicher Art des kollektiven Denkens.[7] 

„Ohne solche Bemühungen [die anderen zu verstehen und die Dinge mit ihren Augen zu sehen] können sich gerade in Krisenzeiten unsere eigenen Vorstellungen von Friede und Gerechtigkeit verschieben und zu einer Bedrohung für das Leben und die Würde anderer entwickeln.[8]

Inzwischen wird der Begriff „Frieden“ allzu oft entgegen seiner ursprünglichen Bedeutung als Vorwand benutzt, um Aggression und Gewalt zu legitimieren. Die zentrale Botschaft von Präsident Ikeda ist jedoch, dass wir diese Begriffsverzerrung nicht zulassen dürfen. Wir müssen unser Engagement für den Frieden verstärken, indem wir den unmissverständlichen Schwur ablegen, frei von Krieg zu leben. Dieser Schwur gründet in der Überzeugung, dass kein Mensch auf diesem Planeten jemals die Schrecken des Krieges erdulden darf.

Angesichts der Tatsache, dass die Bedrohung durch Atomwaffen heute zunehmend zur Normalität wird, halte ich es für dringend notwendig, ein weltweites öffentliches Bewusstsein für den Nichteinsatz von Atomwaffen zu schaffen. Damit stärken wir die Dynamik für das Verbot und die Abschaffung dieser Waffen und unternehmen gemeinsam Schritte, um dieses Jahrhundert zu einem Jahrhundert ohne Krieg zu machen. 

Wir, die Mitglieder der Soka Gakkai, verpflichten uns deshalb, uns mit ganzer Kraft weiterhin in drei zentralen Bereichen zu engagieren: 

Der erste Bereich ist der Jugendaustausch. Wenn Menschen Kriege beginnen können, sind sie ebenso in der Lage, Spaltungen und Konfrontationen zu überwinden, um Konflikte zu verhindern. Hierfür bedarf es einer Gesellschaft, die widerstandsfähig gegenüber destruktivem kollektivem Denken und gewalttätigen Ausschreitungen ist.

Wir fördern seit langem insbesondere den Jugendaustausch mit unseren asiatischen Nachbarländern, darunter auch China und Südkorea, denn wir sind fest davon überzeugt: Freundschaften zwischen Jugendlichen sind das stärkste Fundament für ein Bollwerk gegen den Krieg. Um eine Gesellschaft ohne Krieg zu erschaffen, ist es wichtig, dass sich jede Generation an solchen Austauschprogrammen beteiligen kann.

Der zweite Bereich ist der interreligiöse Dialog. Es ist unstrittig, dass religiöse Unterschiede im Verlauf der Menschheitsgeschichte immer wieder zu schweren Konflikten geführt haben. Gleichzeitig haben Religionen denjenigen, die sich nach Frieden und Würde sehnen, wichtige spirituelle Orientierung und Halt gegeben. Gläubige Menschen sind deshalb dazu aufgerufen, konkrete Schritte zur Gestaltung einer besseren Welt zu ergreifen. Wenn wir unsere Dialoge intensivieren, um uns gegenseitig besser zu verstehen, können die Fehler, die immer wieder zu Konflikten und Zwist geführt haben, zukünftig sicher vermieden werden.

Im Mai letzten Jahres reiste ich in den Vatikan, um mich mit Papst Franziskus zu treffen. Wir sprachen über die dringende Notwendigkeit, eine Welt ohne Krieg und frei von Atomwaffen zu verwirklichen. Im Juni dieses Jahres tauschte ich mich auch mit Datuk[9] Prof. Dr. Abdelaziz Berghout über das buddhistische und islamische Verständnis von Frieden aus. Dr. Berghout ist Dekan am Internationalen Institut für Islamisches Denken und Zivilisation (ISTAC) an der Internationalen Islamischen Universität Malaysia. 

Sowohl die Soka Gakkai als auch die Soka Gakkai International (SGI) haben bei Versammlungen und auf verschiedenen Foren der Vereinten Nationen den Dialog mit anderen religiösen Organisationen (FBOs) gepflegt. Aus diesen Gesprächen gingen gemeinsame Erklärungen zu gemeinsamen Anliegen hervor. Wir werden den interreligiösen Dialog auch in den kommenden Jahren aktiv fortsetzen.

Der dritte Bereich ist die Ausweitung weltweiter Solidarität – Menschen zusammenzubringen, die sich gemeinsam dafür einsetzen, die Herausforderungen zu bewältigen, denen die Menschheit gegenübersteht. Wenn Menschen sich zusammen bemühen, um gemeinsame Ziele zu erreichen, schaffen sie Vertrauen, das nationale und ethnische Unterschiede überwindet. Dies bestätigte sich durch unsere Unterstützung von Initiativen der Vereinten Nationen zur Bewältigung globaler Herausforderungen wie der Wahrung der Menschenrechte und der Bekämpfung des Klimawandels.

Mehr denn je muss die internationale Gemeinschaft die Zeiten hinter sich lassen, in denen gegenseitiges Misstrauen zum Aufbau von Militärarsenalen geführt hat. Die Nationen sollten hingegen zukünftig zusammenarbeiten, um gemeinsame Bedrohungen und Herausforderungen der Menschheit zu bewältigen. Wenn wir diesen Wandel konsequent vorantreiben, wird sich auch der Weg in ein Jahrhundert ohne Krieg immer deutlicher abzeichnen.

Präsident Ikeda zitierte einmal Shakyamunis Worte: „Da alle Schläge scheu’n und vor dem Tode beben, Bedenk’: dir selbst geht’s so. Drum schone and’rer Leben!“[10] und er betonte: „Unsere Fähigkeit zur Selbstreflexion ist wie eine Stimmgabel, die es uns ermöglicht, das Leid anderer nachzuempfinden, als wäre es unser eigenes. Unsere Dialoge sind wie Brücken, über die wir jeden Menschen erreichen können – wo immer er sich befindet. Und unsere Freundschaften sind wie Spaten, mit denen wir selbst das trostloseste Brachland kultivieren und fruchtbar machen.[11]

Gemeinsam mit unseren Mitgliedern in 192 Ländern und Gebieten bekräftigen wir anlässlich des 80. Jahrestages des Kriegsendes unsere unerschütterliche Entschlossenheit, uns für ein Jahrhundert ohne Krieg einzusetzen, in dem alle Menschen in Frieden und Würde leben können. 



[1] Daisaku Ikeda, Journey of Life: Selected Poems of Daisaku Ikeda, New York: I.B. Tauris, 2014, p. 348, nicht auf Deutsch erschienen

[2] vgl. https://unric.org/de/charta/

[3] Daisaku Ikeda, Neue Menschliche Revolution, Band 30, S. 107

[4] Daisaku Ikeda, „Haha to naru koto“ (Mutter werden), Josei Sebun, 28. April 1969, nicht auf Deutsch erschienen

[5] Daisaku Ikeda, Der Mensch im Mittelpunkt: Aufbruch in eine Ära des Friedens und der Abrüstung, Friedensvorschlag, SGI-D Publikation, 2019, S. 17.

[6] Daisaku Ikeda, Eine Welt ohne Krieg, Friedensvorschlag, SGI-D Publikation, 1984, nicht auf Deutsch erschienen.

[7] Daisaku Ikeda, Ein gemeinsames Versprechen für eine menschliche Zukunft: Die Beseitigung des Elends in der Welt, Friedensvorschlag, SGI-D Publikation, 2015, S. 25f.

[8] Ebd. S. 27f.

[9] Datuk ist ein malaiischer Ehrentitel, der wörtlich übersetzt Großvater bedeutet. (vgl. https://en.wikipedia.org/wiki/Datuk)

[10] Sprüche und Lieder, 129, Buddhistische Handbibliothek Nr. 4, Verlag Christiani Konstanz, 1954. (vgl. https://palikanon.com/khuddaka/dhp/dhp.html)

[11] Daisaku Ikeda, Mitgefühl, Weisheit und Mut: Eine globale Gesellschaft des Friedens und der kreativen Koexistenz erschaffen, Friedensvorschlag, SGI-D Publikation, 2013, nicht auf Deutsch erschienen.